Wohin entwickelt sich die Kurzschaftphilosophie?
Die Hüftendoprothetik hat sich in den vergangenen Jahren maßgeblich verändert. Kurzschaft-Implantate wie der aus schweizerischer Entwicklung stammende Kurzschaft optimys werden immer häufiger verwendet. Besondere Aufmerksamkeit verdient die kalkar-geführte Endoprothetik. Sie ermöglicht individuelle Lösungen wie Prof. Karl Philipp Kutzner, Mainz, im Interview erläutert.
Herr Prof. Kutzner, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit kalkar-geführten Kurzschäften. Was war damals der Auslöser, sich so intensiv damit zu befassen?
Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass klassische Kurzschäfte zwar Vorteile bieten, aber jeweils spezifische Schwächen haben. In der Planung zeigte sich beispielsweise regelmäßig, dass ein Implantat für einen Patienten anatomisch gut passte, für den nächsten jedoch nicht. Wir haben manchmal bis zu fünf verschiedene Implantate geplant und gemerkt, dass nicht alles besonders gut oder gleich gut gepasst hat. Die Entwicklung eines kalkargeführten Designs, wie optimys, entstand aus dem Wunsch, diese Limitierungen zu überwinden. Die Rundung entlang des Kalkars war zunächst ein Designmerkmal. Erst später wurde klar, dass sie die Grundlage für eine variable, patientenadaptierte Implantation bildet.
Welche Probleme sollten Kurzschäfte ursprünglich lösen?
Lange, diaphysär verankerte Schäfte führen über die Jahre zu bekannten Nachteilen wie etwa vermehrter Knochenabbau in der proximalen Femurregion. Kurzschäfte sollten diese Belastungen reduzieren und eine knochen-sparende Versorgung ermöglichen. Sie waren also zunächst ein Versuch, biomechanische Probleme der Langschäfte zu entschärfen. Die kalkar-geführte Variante ging jedoch weit darüber hinaus. Das eigentliche Konzept ist die individualisierte Fixation. Kalkar-geführte Kurzschäfte, wie optimys, folgen dem Femurkalkar in einem gekrümmten Implantationsverlauf, wodurch der Operateur die Rekonstruktion präziser an die natürliche Anatomie des Patienten anpassen kann. Das kann eine physiologische Lastübertragung unterstützen, Knochen und Weichgewebe schonen und zu einem stärker personalisierten Ansatz beim Hüftgelenkersatz beitragen.
Different preoperative templating strategies in the identical patient (a) High osteotomy, varus alignment, shoulder superior to fossa, lateral point load (b) Intermediate osteotomy, varus or neutral alignment, same-level to fossa, lateral area load (c) Low osteotomy, neutral or valgus alignment, shoulder inferior to fossa, distal fit-and-fill.
Sie haben eine Klassifikation eingeführt. Warum war ein neues Klassifikationssystem für diesen Implantattyp notwendig?
Ich hielt eine neue Klassifikation für notwendig, weil sich derselbe kalkar-geführte Kurzschaft je nach Anatomie, Osteotomieniveau, Ausrichtung, Knochenqualität und Implantationsstrategie sehr unterschiedlich verhalten kann. Die kalkar-geführte Kurzschaftendoprothetik sollte nicht als eine einheitliche, uniforme Philosophie verstanden werden. Vielmehr handelt es sich um ein Spektrum individualisierter Fixationsstrategien. Die Klassifikation konzentriert sich daher weniger allein auf das Implantatdesign, sondern stärker auf das Fixationsverhalten und die Verankerungskonzepte.
Insbesondere für Chirurgen, die die Technik neu erlernen, dient die Klassifikation als Entscheidungshilfe. Sie ordnet Patientengruppen, Knochenqualität und anatomische Besonderheiten klar zu und verhindert Fehlanwendungen. Damit kann die Hüftendoprothetik flexibler, sicherer und präziser werden.

Classification system in calcar-guided ssTHA (a) Type I (M), metaphyseal anchorage (b) Type II (MD), meta-diaphyseal anchorage (c) Type III (D), diaphyseal anchorage (d) Type IV (C), cemented fixation.
Was beschreibt die Kutzner-Klassifikation in der praktischen Anwendung?
Die Klassifikation unterscheidet vier Fixationskonzepte:1
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Gruppe I beschreibt eine rein metaphysäre Fixation mit sehr proximaler Lastübertragung und maximalem Knochenerhalt.
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Gruppe II bezeichnet eine meta-diaphysäre Fixation, die eine metaphysäre Verankerung mit erhöhter Rotationsstabilität und breiterer kortikaler Abstützung kombiniert.
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Gruppe III beschreibt distalere, diaphysäre Fixationsmuster, die bei anspruchsvoller Anatomie oder verminderter Knochenqualität hilfreich sein können.
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Gruppe IV umfasst zementierte Fixationskonzepte, die diese Philosophie auf ältere Patienten oder ausgewählte Fälle mit osteoporotischem Knochen ausweiten können.
Zusammengenommen zeigen diese Gruppen, dass dasselbe Schaftdesign sehr unterschiedliche biomechanische Lösungen ermöglichen kann.
Sie sprechen in diesem Zusammenhang von einem Paradigmenwechsel. Was verändert sich konkret?
Die Individualisierung beginnt bereits vor der Operation. Faktoren wie Alter, Geschlecht, Knochenqualität, Anatomievarianten oder Diagnosen fließen in die Planung ein. Ich stelle mir die Frage: Was ist für diesen Fall der beste Ansatz? Wie will ich den Patienten versorgen? Während viele Kliniken weltweit weiterhin standardisiert operieren, erlaubt die kalkar-geführte Philosophie eine situationsabhängige Wahl des Verankerungskonzepts mit demselben Implantat.
Case of a 62-year-old man with left hip pain (a–c). Preoperative templating of different fixation strategies according to the present classification (d). Intraoperative radiograph shows a type I (M) procedure.
Gibt es Patientengruppen, die besonders von einem Kurzschaft-Implantat profitieren?
Ursprünglich war der Kurzschaft für junge, aktive Patienten mit guter Knochenqualität gedacht. Heute zeigt sich jedoch, dass er bei angepasster Technik auch bei älteren Patienten und sogar bei eingeschränkter Knochenqualität zuverlässig funktioniert. Nur in extremen Situationen, etwa bei starker Osteoporose oder mehrfachen Voroperationen ohne erhaltenen Schenkelhals, können andere Schafttypen notwendig werden.
Case of a 74-year-old woman with left hip pain (a–c). Preoperative templating of different fixation strategies according to the present classification (d). Intraoperative radiograph shows a type II (MD) procedure.
Welche Rolle spielt das minimalinvasive Vorgehen?
Kalkar-geführte Kurzschäfte, wie optimys, sind besonders gut mit gewebeschonenden Operationsverfahren vereinbar, weil ihre reduzierte Länge und ihre gekrümmte Geometrie die Implantation über muskelschonende Zugänge erleichtern. Das passt sehr gut zum wachsenden Interesse an minimalinvasiver Chirurgie, ambulanter Endoprothetik und beschleunigter Rehabilitation. Heute wird Erfolg nicht mehr allein über die Standzeit des Implantats definiert. Auch Knochenerhalt, Weichteilschutz, physiologische Biomechanik und die Geschwindigkeit der Erholung gewinnen zunehmend an Bedeutung.
Warum ist die Kurzschaft-Philosophie mit den individuellen Möglichkeiten der Versorgung in den USA kaum verbreitet?
Bisher fehlt die Zulassung von optimys. Ohne ein geeignetes Implantat bleibt eine gute Philosophie dennoch weitgehend unbekannt. Die Zulassung wird in den kommenden Jahren erwartet und dann wird das Interesse an kalkar-geführten Kurzschäften auch in den USA deutlich steigen. Die Kollegen können von den europäischen Erfahrungen profitieren. Registerdaten für optimys aus Deutschland und der Schweiz zeigen über zehn Jahre hinweg sehr niedrige Ausfall- und Komplikationsraten. Auch wenn 10 Jahre noch keine „echten“ Langzeitdaten sind, deuten die Ergebnisse auf eine hohe Dauerhaltbarkeit hin.
Case of an 88-year-old woman with left hip pain (a–c). Preoperative templating of different fixation strategies according to the present classification (d). Intraoperative radiograph shows a type III (D) procedure.
Die kalkar-geführte Kurzschaftendoprothetik wird international zum Standard werden.
Prof. Karl Philipp Kutzner
Ein Blick in die Zukunft: Wie wird Ihrer Meinung nach die Hüftendoprothetik in 10 bis 15 Jahren aussehen?
Ich gehe davon aus, dass die kalkargeführte Kurzschaft-Endoprothetik international zum Standard wird. Parallel dazu könnte ein zweiter Trend an Bedeutung gewinnen: keramischer Oberflächenersatz, also eine knochensparende Überkronung des Hüftkopfes. Fortschritte in der Keramiktechnologie machen dieses Konzept zunehmend realistisch.
Die kalkargeführte Kurzschaft-Endoprothetik zeigt, wie weit individualisierte Hüftendoprothetik heute bereits ist. Ein einziges Implantat, das je nach Patientengruppe und Knochenqualität völlig unterschiedlich eingesetzt werden kann – das ist der Kern des Paradigmenwechsels. Während Europa diese Entwicklung bereits prägt, steht die USA erst am Anfang. Mit der erwarteten Zulassung dürfte sich das jedoch rasch ändern.

Prof. Dr. med. Karl Philipp Kutzner ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie und Spezialist für Hüft- und Knieendoprothetik am Endoprotheticum Rhein-Main in Mainz. Er hat sich von Anfang seiner Karriere als Spezialist für Endoprothetik an mit Kurzschaft-Implantaten beschäftigt und bevorzugt – wenn möglich – diese Implantat-Philosophie. Seine Expertise bringt er in der Aus- und Weiterbildung ein: So übernimmt er regelmässig die wissenschaftliche Leitung von Fortbildungen der AE – Deutschen Gesellschaft für Endoprothetik e. V.
Reference:
1 Kutzner KP. Same same but different: Introduction of a classification system in calcar-guided short-stem total hip arthroplasty. Hip Int. 2024 Nov 25;35(1):54–61; https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11667953/ [last accessed 16.06.2026]
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